Fast jeder weiß, dass regelmäßige Bewegung gesund ist. Fast jeder weiß, dass Zuhören wirksamer ist als direkte Überredung. Fast jede Führungskraft weiß, dass Feedback wichtig ist. Dennoch treffen Menschen oft immer wieder dieselben Entscheidungen, führen dieselben Gespräche und wiederholen dieselben Verhaltensmuster.
Das liegt daran, dass Wissen und Verhalten unterschiedlichen Prinzipien folgen. Wissen führt nur dann zu Veränderung, wenn Menschen dieses Wissen in der Praxis in neues Verhalten umsetzen können. Wenn man das versteht, betrachtet man Entwicklung mit anderen Augen.
Warum führt Wissen so oft nur zu begrenzten Verhaltensänderungen?
Viele Experten gehen davon aus, dass Erkenntnisse automatisch zu verändertem Verhalten führen. In der Praxis ist dieser Prozess jedoch deutlich komplexer. Unser Gehirn entwickelt effiziente Abläufe für regelmäßig ausgeführte Handlungen. Das spart Energie und ermöglicht es uns, viele alltägliche Aktivitäten auszuführen, ohne jede Entscheidung bewusst abwägen zu müssen.
Aus evolutionärer Sicht ist das besonders nützlich. Im Hinblick auf Veränderungen stellt es jedoch eine Herausforderung dar. Sobald ein Verhalten zur Gewohnheit wird, tritt es in den Hintergrund. Menschen handeln dann weitgehend unbewusst, selbst wenn sie rational verstehen, dass ein anderer Ansatz effektiver wäre.
Dadurch entsteht eine Kluft zwischen Wissen und Handeln. Die Menschen verfügen über die richtigen Informationen, doch unter Druck greifen sie auf gewohnte Verhaltensmuster zurück.
Warum kehren Menschen unter Druck zu alten Verhaltensmustern zurück?
Unter Druck greift das Gehirn schneller auf vertraute und vorhersehbare Handlungsweisen zurück. Mit zunehmender Anspannung erscheint Verhalten, das sich in der Vergangenheit als erfolgreich erwiesen hat, attraktiver. Beispielsweise könnte eine Führungskraft an einer Schulung zum Thema Coaching-Führung teilnehmen und anschließend in einer schwierigen Besprechung, unter Zeitdruck oder in einem Konflikt wieder auf direktives Verhalten zurückgreifen.
Das erklärt, warum manche Menschen während des Trainings begeistert mit neuen Verhaltensweisen experimentieren, nur um eine Woche später wieder in die alten Gesprächsmuster zurückzufallen. Das gewohnte Verhalten fühlt sich vertraut an. Vertrautes Verhalten erfordert weniger mentale Energie. Daher setzt es sich oft gegen neues Verhalten durch, insbesondere unter zunehmendem Druck.
Warum sind Erkenntnisse oft weniger aussagekräftig, als man annimmt?
Eine Erkenntnis verändert in erster Linie die Sichtweise auf das Verhalten; die Veränderung tritt ein, wenn diese neue Sichtweise im Handeln sichtbar wird.
Viele Entwicklungsprozesse legen großen Wert auf Bewusstsein. Menschen entdecken, wo sie feststecken, erkennen Muster und verstehen, warum bestimmte Situationen immer wiederkehren. Das ist wertvoll, denn Bewusstsein schafft die Grundlage für Veränderung. Gleichzeitig entsteht jedoch manchmal ein Missverständnis: Menschen erleben eine starke Erkenntnis und verwechseln dieses Gefühl mit tatsächlicher Veränderung.
Jeder Trainer kennt dieses Phänomen. Am Ende des Tages sagt der Teilnehmer: „Jetzt verstehe ich genau, was ich tun muss.“ Diese Erkenntnis gibt die Richtung vor, doch neues Verhalten erfordert weiterhin Übung.
Das Verhalten ändert sich, wenn jemand unter ähnlichen Umständen tatsächlich andere Entscheidungen trifft. Wiederholung, Experimentieren und Reflexion bilden daher den Schritt von der Erkenntnis zur Anwendung.
Warum lernen Menschen mehr aus Erfahrungen als aus Erklärungen?
Wer ein Buch über Führung liest, erwirbt in erster Linie kognitives Wissen. Dieses Wissen ist wertvoll. Es hilft, Situationen besser zu verstehen und komplexe Sachverhalte in Worte zu fassen.
Erfahrungen fügen eine zusätzliche Ebene hinzu. Menschen verknüpfen Erkenntnisse mit Emotionen, Wahrnehmungen, Interaktionen und konkreten Situationen. Dadurch entsteht ein reichhaltigeres Gedächtnis. In diesem Zusammenhang sprechen Psychologen von erfahrungsbasiertem Lernen: Lernen durch aktives Handeln, Reflexion und erneutes Ausprobieren.
Ich beobachte dies regelmäßig in Teamentwicklungs- und Führungskräfteprogrammen. Menschen können jahrelang über Vertrauen, Feedback oder Zusammenarbeit sprechen. Sobald sie jedoch in einer Simulation, Übung oder praktischen Aufgabe erleben, wie ihr Verhalten andere beeinflusst, entsteht eine viel tiefere Lernerfahrung. Wissen wird so mit Erfahrung verknüpft und gewinnt dadurch an Bedeutung für die tägliche Praxis.
Was bedeutet das für Aus- und Weiterbildung?
In vielen Organisationen wird Lernen als reine Informationsvermittlung verstanden: Sobald man etwas verstanden hat, wendet man es an. Nachhaltige Entwicklung erfordert jedoch mehr. Menschen verarbeiten und nutzen neue Erkenntnisse unterschiedlich. Daher verläuft Entwicklung für jeden individuell. Das erklärt, warum dieselbe Schulung bei dem einen Teilnehmer sofort sichtbare Auswirkungen hat, während der andere mehr Zeit benötigt, um neue Verhaltensweisen zu verinnerlichen.
Genau deshalb lege ich in Trainings großen Wert auf Situationen, in denen die Teilnehmenden ihr eigenes Verhalten beobachten können. Erkenntnisse gewinnen oft schneller, wenn sie Muster in ihren Reaktionen, Entscheidungen und ihrer Zusammenarbeit erkennen. Wer diese Muster erkennt, merkt früher, wenn vertraute Gewohnheiten die Oberhand gewinnen, und kann bewusster entscheiden, wie er handeln möchte.
Jeder durchläuft in dieser Hinsicht seinen eigenen Prozess. Die Kunst der Entwicklung besteht daher in erster Linie darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen Erkenntnisse Fuß fassen, Bedeutung gewinnen und sich auf die tägliche Praxis auswirken können.
Sind Sie in der Lage, Erkenntnisse mit Mehrwert zu versehen?
Viele Fachleute wissen, wie sie besseres Feedback geben, effektiver kommunizieren oder mehr Verantwortung übernehmen können. Dennoch beeinflussen Gewohnheiten, vergangene Erfahrungen und automatische Reaktionen ihre Entscheidungen und ihr Verhalten im Alltag.
Eine wichtige Entwicklungsfrage lautet daher: Welches Muster wollen Sie heute sichtbar machen und morgen anders angehen?
In seinen Trainings unterstützt Vincent Boscaljon Menschen dabei, Wissen in die Praxis umzusetzen. Möchten Sie wissen, welche Muster in Ihrem Team, Ihrer Führung oder Ihrer Organisationsentwicklung den nächsten Schritt behindern? Dann berät Sie Vincent gerne zu einem Trainings- oder Entwicklungsprogramm, das genau auf Ihre Situation zugeschnitten ist.